Erstes Lindenforum: das Glück

Jörg Stiel

Kurzbiografie


Der ehemalige Schweizer Nationalgoalie kann auf eine 18jährige prall mit Emotionen gefüllte Fussballkarriere zurückblicken. Alles begann 1986 im Kanton Aargau beim FC Wettingen. Stiel startete eine Odyssee über St. Gallen, wo sportlich eine steife Biese blies, steuerte sein Karriereschiff nach Mexiko in mildere Gewässer, kam über den FC Zürich wieder zurück zu den Ostschweizern und feierte im Jahr 2000 überraschenderweise mit seinem Team, das er als Captain anführte, den Schweizer Meistertitel. In der darauffolgenden Saison lancierte er seine Laufbahn als absolut unumstrittener Kultgoalie in der Bundesliga bei Borussia Mönchengladbach und auch in der Schweizer Nationalmannschaft. Mit einer verhältnismässig "kurzen" Körperlänge von 1.80 m avancierte er - auch durch sein risikobereites Torhüterspiel - zum "grössten" Publikumsliebling bei den "Fohlen".

Der 44jährige Familienvater sticht als Sprach- und Kommunikationstalent hervor. So bringt er seine Meinung in höflicher und anständiger Manier in fünf Sprachen bei seinem Gegenüber an, immer offen und direkt. Kein Blatt vor den Mund zu nehmen habe die Vorteile, dass Zeit eingespart und durch seine auf den Punkt gebrachte subjektive Wahrnehmung eine anständige Gesprächsplattform geschaffen werde, weil das Gegenüber versteht, was man aussagen will, so Stiel über seine Art zu Kommunizieren.

Nach seiner aktiven Karriere als Sportler ist Stiel bis zu 70’000km im Jahr unterwegs. Er ist Teilhaber der WS4Sports AG mit Sitz in Mosnang, welche den Generalimport von Reusch (Torhüter- und Skihandschuhe) inne hat, aber auch andere Brands wie Gonso (Biketextilien) Maier Sport (Outdoor und Skibekleidung), Rono (Funktionslaufwäsche) so wie Derbystar (Fussbälle und Zubehör) in der Schweiz vertreibt. Am 11. Februar 2013 macht er Halt in der Lindenapotheke in Schöftland im Park und spricht über den persönlichen Zugang zum Glück. Warum macht er das? Weil es ihm Spass macht und ihn persönlich weiterbringt, so einfach kann das sein mit dem Glück.

Rückblick

Jörg Stiel und das Glück


Es war eine durchgängig gelungene und würdige Premiere des Formats Lindenforum. Rund 100 neugierige Gäste durften begrüsst werden. Und alle waren neugierig auf den Referenten Jörg Stiel. Der eloquente und wahnsinnig sympathisch rüberkommende Ex-Goalie zog die Zuhörerschaft durch offene und sensible Geschichten in den Bann. Er sprach überraschend tiefgründig und verletzlich, aber immer mit Spruch auf den Lippen, über die Erlebniss in seiner Fussballkarriere, aber auch über Emotionen im Privatleben. Es war unüberhörbar wie stolz Stiel auf seine beiden Töchter ist, wie stark stundenlange Spaziergangsgespräche mit einer Therapeutin ihn zum Nachdenken und Handeln gebracht haben und wie überzeugt er ist, dass wir alle den Zugang zum Glück in uns drin zu suchen haben und finden werden.

Beim anschliessenden Apéro wurden alte Bekanntschaften aufgefrischt und neue geknüpft. Jörg, Danke für den glücklichen Abend.

Interview: «Glücks-Täter»

Herr Stiel, sind wir zurückgelassene Opfer auf dem steinigen Weg des Strebens nach ewigem Glück?

Der Mensch ist meiner Meinung nach nicht für die Ewigkeit konstituiert. Er kann sie weder körperlich noch emotional ertragen. Einerseits sind die Sprossen auf der Lebensleiter irgendwann zu Ende, andererseits unterliegen wir in der Gefühlswelt Schwankungen, die ewiges Glück, aber auch Unglück, zum Glück, vermeiden (…) Ich habe beschlossen, dass ich meine Erwartungshaltung an mich, die Hand in Hand mit einem erfüllten und zufriedenen Leben geht, selbst definieren, bearbeiten und korrigieren will. Ich will mir meiner Person und Lebensweise ehrlich bewusst sein. Mit der täglichen Auseinandersetzung meines Spiegelbilds und der kritischen Hinterfragung dessen, mache ich mich selber zur Antriebsfeder meines ausgewogenen Glücks. Ich sehe mich als Täter in einem lebenslangen (Glücks-) prozess.

 

Als erfolgreicher Torhüter waren Sie verpflichtet auf die Aktionen der gegnerischen Stürmer zu reagieren. War der Perspektivenwechsel vom Reagierenden zum Akteur, oder wie Sie es nennen, zum Täter, eine bewusste Entwicklung in Ihrem Selbstbewusstsein?

Während meiner aktiven Sportlerzeit registrierte ich, dass unmöglich Zeit blieb Vergangenes zu reflektieren. Ich spreche konkret von der Leistung auf dem Fussballplatz. Es ging von Training zu Training, von Spiel zu Spiel – immer vorwärts. Ich erkenne im Privaten dieselbe Art der Schnelllebigkeit: es bleibt keine Zeit, das Gestern zu analysieren und daraus Änderungen in der Persönlichkeitsentwicklung abzuleiten. Meines Erachtens ist gerade diese Selbstoptimierung und -Bewusstmachung die Basis für ein mit Glück erfülltes Leben. Wer, wenn nicht ich, kann mir sagen, wie mein Körpergefühl ist. Wer, wenn nicht ich, kann meine Verhaltensmuster erkennen und ändern? Wer, wenn nicht ich, kann mir sagen, ob und was ich will? Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ich für mein Leben die Verantwortung übernehme. Ich werde zum Opfer, wenn ich die Verantwortung für mein Glück abgebe. Aber ich bin, wenn es um mein Leben geht, Täter. Ich entscheide.

 

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