das Herz

Jedes Frühjahr staunen wir erneut über das Erwachen der Natur. Aus in der Erde vergrabenen Zwiebeln spiessen die Tulpen, die Bäume und Sträucher bekommen wieder ihr feines grünes Blätterkleid und blühen. In diese Zeit der länger werdenden Tage und der stärker einstrahlenden Sonne werden wir immer wieder mit dem Bild des Jungbrunnens und des langen Lebens konfrontiert.

In der Gemäldegalerie in Berlin hängt das Bild von Lucas Cranach dem Älteren aus dem Jahre 1546, auf dem auf der einen Seite ältere Frauen ins Wasser steigen und auf der anderen Seite dieses sichtbar verjüngt wieder verlassen. Mit dem Begriff Anti-Aging, der heute in aller Munde ist, bezeichnen wir Massnahmen, die zum Ziel haben, das biologische Altern des Menschen hinauszuzögern, die Lebensqualität im Alter möglichst lange auf hohem Niveau zu erhalten und auch das Leben insgesamt zu verlängern. Verwendet wird dieser Begriff in der Medizin, von Ernährungswissenschaftlern, von der Kosmetikindustrie und teilweise auch im Zusammenhang mit Schönheitsoperationen. Anti-Aging ist zu einem Marketingbegriff geworden. Nun haben wir kürzlich Kenntnis davon erhalten, dass Wissenschaftler der amerikanischen Universität Harvard möglicherweise eine bahnbrechende Entdeckung gemacht haben. So soll das natürliche Koenzym NAD (Nicotinamidadenindinukleotid) alte Zellen in junge verwandeln. Ist damit der Schlüssel zur ewigen Jugend gefunden? Erwartet wurde ein Wundermittel, ein bislang noch unentdeckter Pflanzenstoff, eine passgenaue Gentherapie oder zumindest ein ausgefuchster Hormonersatz.

Nun scheint es mit dem NAD ein lange bekannter Soff zu sein, mit dem sich das Altern umkehren lässt. Als vielseitiges Informationsshuttle schifft es Protonen und Elektronen von einer Zelldecke zur anderen. Das war eigentlich bekannt, nur nicht, dass die Menge an NAD die entscheidende Rolle beim Altern innehat. Wer nun aber meint, in Bälde ein verkaufsfähiges Produkt in der Apotheke vorzufi nden, muss noch lange Geduld haben. Bis zur Umsetzung in der täglichen Anwendung liegt bekanntlich ein weiter Weg. Erinnern wir uns, dass Mäuse, denen 40% weniger Kalorien verfüttert wurden, ein – auf Menschen umgerechnet – 30 Jahre längeres Leben vor sich haben. Ob das bei Menschen auch zutrifft, konnte nie eruiert werden. Schlichtwegs darum, weil sich kein repräsentatives Kollektiv fand, das bereit gewesen wäre, dreissig Jahre lang 40% weniger Kalorien zu sich zu nehmen.

Mens sana in corpore sano. Diese Redewendung des römischen Dichters Juvenal ist heute noch gültig. Was beeinflusst unser Altern; wir hören es immer wieder, Rauchen, Alkohol, Übergewicht, wenig Schlaf, negativer Stress. Dazu kommen genetische Ursachen. Scheinbar ist Langlebigkeit vererbbar. Aber sollen wir bei jedem Schluck Wein, bei jedem Bissen oder bei jedem Fest ans Altern denken? Bringt der milde Spätsommer des Älterwerdens nicht auch positive Aspekte? Nicht immer der Schnellste, Beste, Schönste sein zu müssen? Das soll uns aber nicht davon abhalten, aus jeder Situation das Beste zu machen. Die Arbeit soll sich ergänzend unterscheiden. Es gibt auch Privilegien der Jugend, einmal übers Ziel hinauszuschiessen, oder einen Fehler zu machen, den man mit sechzig nicht mehr begehen sollte.

Unbeschwert in den Tag hinein zu leben. Ich denke, dass wir trotz allen Fortschritten in der Erforschung der Alterungsprozesse uns immer Gedanken über unser Älterwerden machen sollen und müssen. Und das ist auch gut so.

Das meint ihr Lindenapotheker

Herzlichst!

Ratgeber: Zwei Herzen im Dreivierteltakt – oder ich hab mein Herz in Heidelberg verloren

Als ich angefragt wurde, ob ich bereit sei, im Lindenblatt einen Beitrag zum Thema «Herz» zu schreiben, fi elen mir ganz spontan zwei Lieder ein. Als erstes « I schänke Dir mis Härz» von Züri West und dann noch, für eine andere Stilrichtung, «Herzilein, du muss net traurig sein» von den Wildecker Herzbuben. Beides Ohrwürmer, die wir zu gewissen Zeiten immer wieder in den Medien gehört haben, freiwillig oder auch nicht.

Das Herz, als Organ beschrieben, finden Sie hier im Lindenblatt an anderer Stelle. Mich beschäftigt das Herz als das Innerste, dem Kern des Menschen. Unser Fühlen, unser Empfinden, unsere Freude wie auch unser Leid drücken wir häufig mit Worten aus, in denen der Begriff «Herz» vorkommt. Wir sind ein Herz und eine Seele mit Menschen, die uns sehr nahe stehen, die ähnlich denken, mit denen wir uns verbunden fühlen.

Etwas ist uns eine Herzensangelegenheit, wenn es uns sehr wichtig ist und wir uns dafür einsetzen. So auch die Aussage: Mir liegt am Herzen. Wir sind mutig, wenn wir beherzt sind oder uns ein Herz fassen. Was denken Sie über einen Menschen, wenn Sie von ihm sagen, dass er das Herz am rechten Fleck hat? Sie stimmen mit ihm überein und anerkennen, dass er gutmütig und grosszügig ist, sozusagen ein guter Mensch im Umgang mit anderen. Wir sprechen auch von einer herzensguten Person.

eidg. dipl. Apothekerin FPH

Wieviel Herzblut haben Sie in die Vorbereitungen für ein bestimmtes Projekt gesteckt? Die ersten wahrgenommenen Herztöne eines noch ungeborenen Kindes sind organisch von höchster Bedeutung, aber welche Freude lösen sie im Herzen der Eltern aus. Erinnern Sie sich an das Herzklopfen, als Sie als Teenager in Ihrer ersten Verliebtheit Ihrem Gegenüber begegneten und diese oder dieser noch gar nichts ahnte von Ihren Gefühlen? Wenn wir uns herzlich bedanken, herzliche Grüsse senden oder herzliche Anteilnahme aussprechen, dann bringen wir zum Ausdruck, dass es uns ernst ist, dass wir es ehrlich meinen. Es ist eine Verstärkung oder Betonung des dazu gehörenden Wortes. Ein Herzensbrecher geht nicht mit Hammer und Meissel ans Werk, aber es kann passieren, dass Frauen an zerbrochenen Herzen leiden. Aber auch Trauer und Schmerz sind eng mit dem Herzen verbunden. Wenn wir sagen: sie ist an Herzeleid gestorben, so bedeutet dies nicht, dass diejenige Person an einem Herzleiden = Krankheit gelitten hat, sondern dass Verletzungen seelischer Art Auslöser für das Sterben waren. Auffallend ist an dieser Zusammenstellung, dass die Kombinationen mit dem Wort «Herz» vielfach positive, lebensbejahende Aussagen machen.

«Man sieht nur mit dem Herzen gut; das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.»

Mit diesen Worten aus «dem kleinen Prinzen» von Antoine de Saint-Exupéry grüsse ich Sie herzlich.

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Roseto - ein statistischer Ausreisser

soziale Bausteine der Gesundheit - der Roseto-Effekt

Die folgende Geschichte zielt nicht direkt auf das Herz, soll aber zeigen, dass die unterschiedlichsten Einflüsse – vielleicht auch einige, die Sie nicht vermutet hätten – wesentliche Bausteine unserer Gesundheit sind.

Roseto Valfortone liegt in der italienischen Provinz Foggia, rund 200km südöstlich von Rom. Die Bewohner waren Bauern und arbeiteten im nahen Marmorsteinbruch. Das ging schon immer so. Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die Nachricht vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten jenseits des Atlantiks in Roseto. Zuerst wagten sich eine Handvoll Abenteuerlustige in die neue Welt. Bald wurde aus dem Strom ein reissender Fluss. So kam es, dass die Rosetani in Pennsylvania ein Abbild ihres zurück gelassenen Dörfchens bauten. Zuerst hiess das Dorf New Italy, aber schon bald tauften sie es in Roseto um. Durch den Elan eines jungen Pfarrers erwachte das Dorf allmählich zum Leben.

Der nämlich gründete katholische Vereine, organisierte Gemeindefeste, ermunterte die Dorfbewohner Äcker anzulegen, Obstbäume zu pflanzen und in den Gärten hinter ihren Häusern Zwiebeln, Bohnen, Kartoffeln und Melonen anzubauen. Bald kamen Schulen, Klöster, Friedhöfe, Parks, Läden, Bäckereien, Restaurants und Bars hinzu. Roseto war eine eigene kleine Welt und existierte in weitgehender Abgeschiedenheit vom Rest der amerikanischen Gesellschaft. Eines Tages kam der Arzt von Roseto mit einem anderen Arzt ins Gespräch und berichtete vom unglaublichen Zustand, dass in Roseto kaum jemand unter 65 mit einer Herzerkrankung sterbe. Damals schrieb man die Fünfzigerjahre, cholesterinsenkende Mittel und Vorbeugemassnahmen waren weit und breit noch nicht in Sicht. Herzkrankheiten waren in den USA schon damals eine Volkskrankheit und die häufigste Todesursache für Männer unter 65. Der andere Arzt beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und lud die gesamte Bevölkerung von Roseto zum Blutabnehmen und EKG ein. Desweiteren wurden Totenscheine und Krankenakten gesammelt und die Familienstammbäume so weit in die Vergangenheit aufgeschlüsselt wie es nur ging. Die Resultate waren erstaunlich: In Roseto starb kaum jemand unter 55 an Herzinfarkt oder wies auch nur Anzeichen einer Herzkrankheit auf. Bei Männern über 65 lag die Zahl der Todesfälle durch Herzerkrankungen um 50% tiefer als der Landesdurchschnitt. Genauer gesagt, war die Todesrate bei sämtlichen untersuchten Krankheiten in Roseto um 30-35% niedriger als im Rest der Vereinigten Staaten. Es gab auch keine Selbstmorde, keinen Alkoholismus, keine Drogenabhängigkeit, kaum Verbrechen, niemand bezog Sozialhilfe und niemand hatte Magengeschwüre. Die Rosetani starben an Altersschwäche. Das war’s.

Weitere Untersuchungen zeigten, dass die Bewohner weder gesund assen (sie nahmen 40% ihrer Kalorien durch Fett zu sich), noch Sport praktizierten

 

Im Gegenteil – viele waren starke Raucher und hatten mit Übergewicht zu kämpfen. Auch die Gene waren es nicht. Die in Italien gebliebenen Menschen konnten nicht mit der bemerkenswerten Gesundheit der Ausgewanderten konkurrieren. Die Umwelt war auch nicht besonders, im Nachbardorf starben dreimal so viele Männer über 65 an Herzerkrankungen. Das Geheimnis musste also an Roseto selbst liegen. Allmählich bemerkten die Forscher den Grund: Sie beobachteten, wie die Rosetani sich gegenseitig Besuche abstatteten, sich auf der Strasse italienisch unterhielten und sich in ihre Gärten zum Grillen einluden. Sie bemerkten, dass oft drei Generationen unter einem Dach wohnten und die Grosseltern grossen Respekt genossen. Auch die gemeinschaftsbildende und befriedende Rolle der Kirche war wichtig. Ausserdem gab es allerhand Vereine (22 auf knapp 2‘000 Einwohner). Sie erkannten den egalitären Geist der Gemeinschaft, der die Reichen davon abhielt, ihren Erfolg zur Schau zu stellen, und den Gescheiterten half, ihren Misserfolg zu verbergen. Es entstand eine robuste Sozialstruktur, die vor den Belastungen der modernen Welt beschützte. Roseto war ein magischer Ort.

Damals ging man davon aus, dass Gesundheit davon abhing, wer man war, also von den Genen und persönlichen Entscheidungen: was wird gegessen, wieviel Sport wird getrieben und welche medizinische Versorgung wird erhalten. Niemand ging davon aus, dass Gesundheit etwas mit der Gemeinschaft, in der wir leben, zu tun haben könnte. Die Forschungsergebnisse waren aber Tatsache. Die Mediziner mussten lernen, über den Einzelnen hinauszublicken. Sie mussten die Kultur, Familie, Freunde und das soziale Umfeld ihres Patienten verstehen. Die Erkenntnis, dass die Werte der Welt, in der jemand lebt und die Menschen, mit denen sich jemand umgibt, entscheidende Auswirkungen darauf haben, wer wir sind. Gesundheit und Herzinfarkte wurden von einer revolutionären Seite beleuchtet.

Herzensgeschichte 

der Weg von Lebenskraft und Gefühl

Das Herz der Feinde

Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Zentralorgan des Lebens immer wieder neu gedeutet. Lange bevor seine physiologischen Funktionen überhaupt in den Blick traten, bezeichnete das Herz das Zentrum des Lebens. Im mythischen Bewusstsein war sein innerer Rhythmus magisch verbunden mit den Rhythmen der Natur und des Kosmos.

Das Herz galt als Träger der Lebenskraft, derer sich manche Stämme bemächtigen wollten, indem sie das Herz des Feindes verzehrten. Die Azteken brachten es bei ihren Menschenopfern dem Sonnengott dar, um so die Sonne am Leben zu erhalten und das Fortbestehen der Weltordnung zu sichern.

Das verhärtete Herz Teil 1

Im Alten Testament ist das Herz das Organ der inneren Wahrheit. Gott sieht nicht auf das Äussere, sondern auf das Herz. Besonders häufig ist die Redeweise von der «Verhärtung des Herzens», Gott verhärtet das Herz dessen, den er verderben will. Wer sich von Gott abwendet, hat ein Herz aus Stein. Das Herz ist weiter auch der Sitz des Denkens und der Einsicht.

Blut und Pneuma – die alten Griechen

In Griechenland galt das Herz seit der archaischen Zeit als Zentrum der Gemütsbewegungen. Die Homerischen Helden fochten in Brust und Herz Kämpfe der Emotionen und göttlichen Mächte. Bei Platon ist das Herz der muthafte Teil in der Mitte zwischen der vernünftigen Seele des Gehirns und den triebhaften Instinkten des Bauches. Aristoteles sieht das Herz als Zentralorgan der Sinneswahrnehmung. Als Zentrum der unteilbaren Seele kann es nicht erkranken – Herzkrankheiten sind im Altertum so gut wie unbekannt. Dennoch beginnt in Griechenland die naturwissenschaftliche und medizinische Geschichte des Herzens. Man nahm an, in der linken Herzkammer brenne ein Feuer, das das Blut anschwellen lässt. Der daraus entstehende Überstand bildet das «Pneuma», das als belebendes Prinzip über das Blut im Körper verteilt wird. Alexandrinische Ärzte (2./3. Jhd.v.Chr.) klärten durch Sezierung von Menschen die Rolle des Gehirns als Organ der höheren Seelenfunktionen. Der griechische Arzt Galen (131-200 n.Chr.) stand für die Entdeckung der Bewegung des Blutes aus dem Herzen in die Peripherie, wo es versickere. Seine Idee galt bis weit ins 17. Jhd. als unumstösslich.

Die unsterbliche, sündige Seele

Im Mittelalter gerieten die medizinischen und physiologischen Erkenntnisse in den Hintergrund. Zu dominant war die kirchliche Morallehre mit dem Herz als Ort der unsterblichen, aber sündigen Seele. Das ritterliche Herz trug zur verweltlichung bei, insbesondere unterstützt durch die Minne und ihre innbrünstige Lyrik

Zu Beginn der Neuzeit herrschte trotzdem Einfluss der fortgeschrittenen arabischen Medizin, die dem Gehirn allmählich wieder geistige und seelische Funktionen zuschrieb, kein unüberwindbarer Gegensatz zur volkstümlichen Anschauung von dem Herz als Heimat von Mut, Gemüt, Liebe, Tugend und der unsterblichen Seele.

Trennung von Herz und Gefühl

René Descartes (1596-1650) stand für die Idee der Dualisierung des Körpers. Das Herz war der Motor und das Gehirn die zentrale Steuerung. Die Seele war ein ausserräumliches Wesen und Gefühle in der Herzgegend wurden konsequent als illusionäre Projektion erklärt. William Harvey entdeckte 1628 den Blutkreislauf und revolutionierte die Medizin. Er selber allerdings sah das Herz als die Sonne des Mikrokosmos und nicht als rein mechanische Pumpe. Der dänische Arzt Niels Strensen schrieb: «Man hat das Herz als die Sonne, ja als König begrüsst, während man doch, wenn man genauer hinsieht, nichts findet als einen Muskel.»

Das «kalte» Gehirn hatte gegen das «warme» Herz gewonnen. Darin spiegelt sich auch der Sieg der wissenschaftlichen Ratio über das Gemüt. Das 20. Jhd. gehört nun ganz dem medizinischen Herzen. Die Trennung von Herz und Gefühl ermöglichte auch die Technisierung des Herzens: 1896 erste chirurgische Herznaht, 1929 Herzkatheterisierung, 1953 Herz-Lungen-Maschine, 1958 erste Schrittmacherimplantation, 1967 erste Herztransplantation und so weiter. Immense Fortschritte.

Das verhärtete Herz Teil 2

Wo ist nun das seelische Herz in der Medizin geblieben? Organische Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurden von der Psychosomatik mehr und mehr mit dem Gefühlsleben und der Lebensführung in Verbindung gebracht. Was macht unser Herz so krank? Menschen, die an Bluthochdruck und koronarer Herzkrankheit leiden, stehen oft in ständigem Ringen mit der Umwelt: Ehrgeiz, Konkurrenzdenken, Ungeduld, Gereiztheit, latente Feindseligkeit, Unterdrückung von Gefühlen. All das nagt am Herz. Das Herz «verhärtet» zunehmend.

Der amerikanische Kardiologe Dan Ornish konnte aufzeigen, dass seine Therapie der «Öffnung des Herzes» zu einem Stillstand, mitunter sogar Rückgang der Koronarsklerose beitragen kann. Es geht dabei um die Wahrnehmung der eigenen Gefühle, die Überwindung von Isolation, das Wiedererlangen der Mitleidsfähigkeit. Die in allen Zeiten bekannte Verknüpfung von Herz und Gefühl beginnen wir heute wieder neu zu entdecken. Die verschiedenen Herzen gehören zusammen.

 

Geordnetes Chaos

Der unermüdliche Lebensmotor

Gestalt: anderthalb mal so gross wie eine geballte Faust. Gewicht: durchschnittlich 310g bei Männern, 260g bei Frauen (die Leber ist etwa fünfmal so schwer). 

Lage: dicht hinter dem Brustbein, zu einem Drittel rechts, zu zwei Dritteln links davon.

Leistung: Das Herz schlägt 60-80 Mal in der Minute, wenn es ruhig ist, ca. 100 000 Mal am Tag, 3 Milliarden Mal in 70 Lebensjahren, nota bene ohne Ruhepause. Dabei werden 7000 Liter Blut pro Tag durch den gesamten Körper gepumpt, 200 Mio. Liter im Laufe eines Lebens. Trotz dieser Schwerstarbeit verbraucht das Herz lediglich 90 kcal pro Tag und leidet nie an Muskelkater. Es ist zwar ein Muskel, funktioniert aber ganz anders als die Muskulatur, mit der wir uns bewegen. Dort bilden sich bei Überbelastung mikroskopisch kleine Risse, die den Muskelkater auslösen. Solche Risse entstehen im Herzen nicht, da die Zellen dort anders verbunden sind. Das Herz ist auf Dauerleistung spezialisiert, ohne sich zu überanstrengen oder zu ermüden.

Ein Herz, zwei Seiten: Allseitig umschlossen vom Herzbeutel (Perikard), ist es durch die Herzscheidewand unterteilt: vom rechten Herz strömt das sauerstoffarme Blut in die Lunge, danach ins linke Herz. Von dort gelangt es in den Körperkreislauf. In unserem Körper verzweigen sich sagenhafte 100 000 km Blutgefässe aller Art: von der daumendicken Aorta bis zu den 30 Milliarden Kapillaren, den 0,01mm feinen Haargefässen, die sich im gesamten Körper verzweigen und jede einzelne Zelle mit Sauer- und Nährstoffen versorgen und Kohlendioxid und Stoffwechselprodukte abführen.

Das Blut kommt so wieder im rechten Vorhof an und der Kreislauf beginnt von vorn.

Das Blut benötigt rund 1 Minute, um den Körper einmal zu durchlaufen. In dieser Minute pumpt das Herz die gesamte Blutmenge einmal durch, nämlich ca. 5-6 Liter. 20% davon fl iessen direkt ins Gehirn. Das sind unglaubliche Zahlen, die es schwer machen, das Hohlorgan als reine Pumpe zu sehen. Das Herz ist der Lebensmotor: Klein, fein, loyal und zuverlässig. Das Herz an sich würde ewig weiterarbeiten, rhythmisch und stark. Da es aber mit anderen Organen und Gefässen zusammenarbeitet, die im Laufe eines Menschenlebens Schaden nehmen können, ist auch seine Vitalität abhängig. Erkrankungen und Alterserscheinungen sorgen dafür, dass das Herz weniger Sauerstoff bekommt und seine Leistung nachlässt. 

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Die Biographie des Herzkranken

Glücksmomente statt Risikofaktoren

Persönlichkeit, Lebensgeschichte und Umfeld prägen weitgehend den Lebensstil eines Menschen. Für die Herzkranken, im Besonderen für die Infarktgefährdeten, scheinen gewisse Schwerpunkte feststellbar. Da aber weder eine spezifische Verhaltens-und Charakterstruktur noch eine bestimmte Lebensgeschichte für sich allein das Entstehen von Herzkrankheiten begründen können, müssen sie wohl zu den Risikofaktoren gerechnet werden, von denen nota bene keiner für sich allein, sondern immer nur eine Anhäufung derselben, aussagekräftig ist.

 

Rauchen und negativer Stress

Eine Genfer Studie, Jahrgang 1979, veröffentlicht unter dem Namen «Die Psychologie des Koronarpatienten », zeigt schon früh, dass sowohl im psychologischen als auch im somatischen Bereich bestimmte Parameter ein Risikoverhalten bestimmen. Bei besagter Studie wurden junge, ausschliesslich männliche Koronarpatienten, vom Alter zwischen 32 und 45 gelegen, von einem Team, bestehend aus einem Psychiater, einem Kardiologen, Diätassistentinnen, Sozialarbeiterinnen und Physiotherapeuten untersucht. Die Examination fand unmittelbar nach Eintreten des Infarkts und nach der Entlassung nach Hause statt. Die Analyse des Risikoverhaltens ergab ein starkes Vorherrschen des Tabakkonsums, während andere Risikofaktoren eher untervertreten waren. Hingegen litten die meisten unter einem starken beruflichen Stress. Die Studie beschrieb diese Tatsache folgendermassen: bei «fast allen diesen Patienten war die Investition in das Berufsleben sehr gross; die Arbeit schien oft das einzige Interesse in ihrem Leben zu sein.» Trotz dieser zwanghaften, übermässigen Gewissenhaftigkeit im Beruf gelang es den Leuten nicht, ihr Ideal zu erreichen. Konflikte mit Vorgesetzten und Untergebenen waren an der Tagesordnung. Dazu kamen bei über der Hälfte der Patienten Unstimmigkeiten in der Partnerschaft, familieninterne Streitereien, Scheidungen und ausserdem finanzielle Probleme. Folglich zeigte sich ein «Sich-Zurückziehen» von der Gesellschaft und mangelnde soziale Anpassungsfähigkeit.

An dieser Stelle noch einige Worte zum Thema Stress: Eine beträchtliche Anzahl von Veröffentlichungen beschäftigen sich mit den Auswirkungen einer andauernden Überanstrengung. Es ist eine Reihe von Variablen festzustellen, die erwiesenermassen stressabhängig sind (Blutdruckerhöhung, Blutfette, Harnsäure oder gesundheitsschädigende Verhaltensweisen wie Rauchen). Zusammenhänge mit Stress lassen sich auch bei vielen anderen Erkrankungen nachweisen. Viel spannender ist doch die Tatsache, dass Stress im positiven Sinne zweifellos auch gesundheitserhaltend sein kann. Es wurde sogar festgestellt, dass in ein und demselben Betrieb leistungsbezogene dynamische Menschen weniger herzinfarktgefährdet waren als ihre unauffälligen Kollegen. Stressentzug kann de facto krank machen, denn Stress ist auch sinnvoll.

 

Prävention als Lifestyle

Ist von Risikofaktoren für Herzkrankheiten oder generell für die Gesundheit die Rede, sollte genügend Luft geholt werden, um im gleichen Atemzug die Risiko-Prävention zu loben. Prävention ist Lifestyle und Zauberwort zugleich. Wir sind die Manager unserer eigenen Gesundheit. Was uns allerdings aufhorchen lassen sollte, ist folgende feststellbare Realität: obwohl der Mensch so gesund und selbstbeobachtend lebt wie nie, führt dies zu keinem Rückgang der Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ursachenforschung scheint also nicht der alleinig richtige Weg zu sein, um die Psychosomatik der Herzleiden offenzulegen. Machen wir uns nichts vor. Wir leben gefährlich.

Prävention als Lifestyle

Ist von Risikofaktoren für Herzkrankheiten oder generell für die Gesundheit die Rede, sollte genügend Luft geholt werden, um im gleichen Atemzug die Risiko-Prävention zu loben. Prävention ist Lifestyle und Zauberwort zugleich. Wir sind die Manager unserer eigenen Gesundheit. Was uns allerdings aufhorchen lassen sollte, ist folgende feststellbare Realität: obwohl der Mensch so gesund und selbstbeobachtend lebt wie nie, führt dies zu keinem Rückgang der Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ursachenforschung scheint also nicht der alleinig richtige Weg zu sein, um die Psychosomatik der Herzleiden offenzulegen. Machen wir uns nichts vor. Wir leben gefährlich. Das Schlimmste daran ist, dass wir immer mit Gefahren leben, selbst wenn wir unser Leben gesund gestalten. Letztlich werden wir, falls wir die Gefahren alle überleben, alt. Und das Alter wiederum ist hinsichtlich der Herzkrankheiten, diesmal vielleicht nicht allein aus psychosomatischer Sicht, der Risikofaktor Nummer eins. Einerseits gibt es den aus einer psychosozialen Isolierung ausgehende «Pensionierungstod», andererseits kommen die altersspezifischen organischen Veränderungen hinzu.

Freude stärken, Leiden mindern

Um die Auflistung der Risikofaktoren zu vervollständigen, notieren wir die Genetik. Wenn Vorfahren von Ihnen herzkrank waren, aber auch wenn nicht, sollten Sie folgenden Rat befolgen: Lassen Sie einfach alles weg, was das Leben nachweislich verkürzt. Sammeln Sie keine Risikofaktoren, sondern Glücksmomente. Glückliche Menschen reagieren gelassener auf Belastungen. Ausserdem haben sie einen gesünderen Lebensstil. Bleiben Sie aktiv, indem Sie das tun, was Ihnen Freude macht.

Das Schlimmste daran ist, dass wir immer mit Gefahren leben, selbst wenn wir unser Leben gesund gestalten. Letztlich werden wir, falls wir die Gefahren alle überleben, alt. Und das Alter wiederum ist hinsichtlich der Herzkrankheiten, diesmal vielleicht nicht allein aus psychosomatischer Sicht, der Risikofaktor Nummer eins. Einerseits gibt es den aus einer psychosozialen Isolierung ausgehende «Pensionierungstod», andererseits kommen die altersspezifischen organischen Veränderungen hinzu.

Freude stärken, Leiden mindern

Um die Auflistung der Risikofaktoren zu vervollständigen, notieren wir die Genetik. Wenn Vorfahren von Ihnen herzkrank waren, aber auch wenn nicht, sollten Sie folgenden Rat befolgen: Lassen Sie einfach alles weg, was das Leben nachweislich verkürzt. Sammeln Sie keine Risikofaktoren, sondern Glücksmomente. Glückliche Menschen reagieren gelassener auf Belastungen. Ausserdem haben sie einen gesünderen Lebensstil. Bleiben Sie aktiv, indem Sie das tun, was Ihnen Freude macht.

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Dienstag 3. Juni'14

«Das 1x1 der Herzchirurgie Kranzgefässe. Klappe. Muskel.»

mit PD Dr. med. Lars Englberger

Chefarzt, Herzchirurgie bei Erwachsenen Universitätsklinik für Herz- und Gefässchirurgie Inselspital Bern

Ab Mai diesen Jahres leiten Lars Englberger und sein Arztkollege Thierry Carrel das Herzchirurgie an der Hirslanden Klinik Aarau.

 

Ein Blick auf das wesentliche Kreislauforgan des Menschen zeigt, dass wir am Herzen drei anatomische Strukturen unterscheiden können:

  • Die Herzkranzgefässe, über welche der Herzmuskel mit Blut versorgt wird.
  • Die Herzklappen, welche eine Ventilfunktion haben und den Blutstrom in der Richtung leiten und rhythmisieren.
  • Den Herzmuskel selbst.

Verschiedene Ursachen führen dazu, dass ein Herz seine Funktion nicht mehr vollständig erfüllen kann und sich letztendlich als Endstrecke fast jeder Herzerkrankung eine Herzinsuffizienz (Schwäche des Herzens) oder der Tod einstellen.

Erworbene Herzkrankheiten wie Durchblutungsstörungendes Herzens (Koronare Herzkrankheit) und die Degeneration von Herzklappen, wodurch diese eingeengt (stenosiert) oder undicht (insuffizient) werden, stellen die häufigsten Erkrankungen dar. Eine direkte Erkrankungen des Herzmuskels, welche unmittelbar zur Herzschwäche führt, tritt dagegen seltener auf.

Jeder dieser Erkrankungsformen begegnet die Herzchirurgie mit einer Palette von therapeutischen Optionen. Die Bypassoperation am Herzen stellt die optimale Methode dar, Einengungen von Herzkranzgefässen zu überbrücken und so die Durchblutung des Herzens langfristig wieder sicherzustellen.

Hiermit werden die typischen Symptome der Brustenge (Angina pectoris) behandelt, und das Risiko für einen Herzinfarkt wird stark herabgesetzt.

Bei Klappenerkrankungen werden – ja nach Art der Veränderung an der betroffenen Herzklappe – Rekonstruktionen der Klappen oder auch ein Klappenersatz durchgeführt. Liegt eine schwere Herzschwäche vor, entweder durch direkte Schädigung des Herzmuskels oder als Ergebnis chronischer Erkrankungen der Herzkranzarterien oder der Herzklappen, kommen weiterführende herzchirurgische Optionen in Betracht.

In einem solchen Fall stehen heute neben der Herztransplantation auch Verfahren zur Verfügung, bei denen das schwache Herz durch den Einsatz von Mini-Pumpen (Kunstherzen) auch längerfristig unterstützt werden kann. Diese Art der mechanischen Kreislaufunterstützung hat sich, nicht zuletzt durch den Rückgang an Spenderherzen, in den letzten Jahren etabliert.

Dank der zunehmenden Lebenserwartung und besseren therapeutischen Möglichkeiten sehen wir heute vermehrt ältere Patienten. Diese Patienten weisen oftmals eine ganze Reihe von Nebenerkrankungen auf, die noch vor einigen Jahren einen herzchirurgischen Eingriff leider verhinderten.

Heute können wir diesen Herz-Patienten oftmals helfen, nicht zuletzt auch durch minimal-invasive chirurgische Methoden. Obwohl häufig durchgeführt, sind herzchirurgische Eingriffe kein Standardeingriffe, sondern sorgsam auf den individuellen Patienten abgestimmt.

 

Die Veranstaltung wie auch der anschliessende Apéro werden Ihnen von der Lindenapotheke kostenlos offeriert.

19.00 Eintreffen der Gäste

19.30 Referat PD Dr. med. Lars Englberger

im Anschluss offene Gesprächsrunde mit Apéro

Veranstaltungsort:

Lindenapotheke AG,

Dorfstrasse 38, 5040 Schöftland

 

 

Anmeldung

in Ihrer Lindenapotheke oder per Mail unter forum@lindenapo.ch an. Da die Teilnehmerzahl beschränkt ist, werden die Anmeldungen nach Eingang berücksichtigt.

Veranstaltungsort:

5040 Schöftland

Lindenapotheke AG, Dorfstrasse 38,

Online-Anmeldung:

forum@lindenapo.ch