Beschreiben Sie mal!

die Kunst Schmerz in Worte zu fassen

Schmerzen sind immer privat. Gewisse Verletzungen sind sicht- und tastbar, das sind einfache, weil beobachtbare Schmerzfälle und können medizinisch relativ einfach und effizient behandelt werden.

Auch physiologische Prozesse, wie klare organische Ursachen, dementsprechend transparenter Schmerzort und -ursprung, Entzündung etc., helfen bei der Erfassung und Quantifizierbarkeit von Schmerz.

Bei komplizierten Schmerzen spielt sich das wirklich Leidvolle und Atemraubende in unserem Inneren ab. Dabei werden Patienten vor die Herausforderung gestellt, den subjektiv empfundenen Schmerz nach aussen hin zu verbalisieren und zu beschreiben, um ihn mitzuteilen. Wie sonst können Heilung und Linderung durch ärztliche Hilfe eingeleitet werden?

Der Ausdruck des «unbeschreiblichen Schmerzes» ist Programm. Der Schmerz ist, wie der Geruch, ein machtvolles Ereignis, für das es allen Sprachen und Kulturen an Worten fehlt. Die Ärzte mühen sich ab, ihn zu begreifen und die tastenden Beschreibungen des Patienten zu deuten. Schmerz kann am ehesten noch durch Vergleiche mit Dingen ausgedrückt werden, die wir bemerkenswerterweise wiederum durch äussere Einflüsse erleiden würden: Er ist «stechend», «hämmernd» oder «bohrend». Schmerz vom Inneren heraus zu äussern, ist uns (fast) nicht möglich.

Die Schwierigkeit der Verknüpfung des wahrgenommenen Schmerzes mit der  Sprache lässt sich einerseits mit der Behauptung erklären, dass wir uns überhaupt der Sprache nur in jenen Augenblicken wahrhaft bewusst seien, in denen sie uns undurchdringlich erscheine – wie etwa in der Lyrik. Der Schmerz leistet dasselbe im Bereich menschlichen Erlebens. Er schreibt die brutale Realität des Materiellen in jeder Faser unseres Seins ein. Wenn wir den Schmerz haben, ist er unsere ganze Wirklichkeit, ähnlich eines Gedichts, das unseren ganzen Fokus für das intensive Miteinander von Inhalt und Form verlangt.

Andererseits könnte die Beschreibung von Schmerz so diffizil sein, weil sie einem unübertragbaren Bewertungssystem eingebunden ist. Es stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von individueller Wahrnehmung und der Möglichkeit der interpersonellen Kommunikation. Die Information über den Schmerz wird mit  Emotionen sowie Gedächtnisinhalten verknüpft und löst dadurch weiter Stress, Angst oder auch Lust aus – wiederum subjektiv empfundene Qualitäten.

Dies bedeutet eine doppelte Schwierigkeit oder sogar Unfähigkeit der Mitteilbarkeit. Am Beispiel eines Patienten-Arzt-Dialogs kann dies so vereinfacht werden: Der Arzt kann nie präzise wissen, was der Patient empfindet und ist trotzdem auf eine sprachliche Aussage für eine ganzheitliche Anamnese angewiesen.

Auf der anderen Seite weiss der Patient nicht, ob der Arzt versteht, welche Qualität und Quantität von Schmerz in Worte gefasst wird. Es bleibt bei Vergleichen oder bildhafte Annäherungen im Sinne von «als ob»: denn weder sticht, hämmert oder bohrt etwas.

Die Medizin behilft sich, um eine systematische Erfassung des subjektiv wahrgenommen Schmerzes zur Diagnose nutzen zu können, mit Instrumenten wie Schmerzskalierungen und -fragebögen. Denn auch wenn der Schmerz keine Worte mehr hat, muss für eine umfassende Therapie ein Zustand von einem verstandenen Schmerz angestrebt werden. Das Patientengespräch muss zu einer Brücke des gegenseitigen Schmerzverständnisses werden.

Ratgeber

Teufelskreis: Depression – Schmerz – Depression

Schmerz ist eine komplexe, subjektive Sinneswahrnehmung, die je nach Patient von unangenehm bis unerträglich empfunden wird.

Die Medizin unterscheidet zwischen akutem und chronischem Schmerz.

Durch akute Schmerzen teilt uns der Körper mit, dass etwas nicht in Ordnung ist und gepflegt/ behandelt werden muss. Wir empfinden akute Schmerzen, weil Nervenenden überreizt oder geschädigt sind. Dies führt dazu, dass Schmerzsignale entlang der Nerven zum Gehirn geschickt werden. Bei entsprechenden Behandlung lässt der Schmerz in der Regel nach und verschwindet ganz. Das Alarmsystem des Körpers hat meisterhaft reussiert.

Chronische Schmerzen hingegen treten wiederholt auf oder dauern länger als sechs Monate an. Sie lassen sich durch übliche Schmerzmittel nicht lindern. Hier verliert der Schmerz seine Warn- und Schutzfunktion. Die Nervenzellen senden weiterhin Impulse an das Gehirn, obwohl der physiologische Schmerzreiz verschwunden ist. Sie vergessen die Schmerzinformationen nicht mehr und melden weiter die geringsten Reize an das Bewusstsein. Es entwickelt sich ein eigenständiges Krankheitsbild, das zu physischen, psychischen und sozialen Beeinträchtigungen führen kann. Umfragen in der Bevölkerung ergaben, dass ein grosser Anteil der Menschen chronische Schmerzen im Rückenbereich, in den Gelenken und im Bereich des Kopfes verspüren. Zu den häufigsten Ursachen dieser Leiden gehören die Gelenkerkrankungen Arthritis und Arthrose, gefolgt von Bandscheibenvorfällen, Unfällen/Verletzungen, rheumatoider Arthritis und Migräne.

Chronische Schmerzen werden oft zu spät oder gar nicht behandelt, obwohl sie das Wohlbefinden beeinträchtigen und eine grosse Behinderung im Alltag sein können. Ausgebildeten Schmerztherapeuten stehen eine ganze Reihe effektiver Behandlungsoptionen zur Verfügung. Wenn der Schmerz zum ständigen Begleiter wird, das Leben dominiert, kann das gravierende Auswirkungen auf das Privat- und Berufsleben haben. Nicht nur die Betroffenen leiden – das ganze Umfeld leidet mit.

Zahlreiche Faktoren können chronische Schmerzen verursachen, unterhalten oder verstärken. Psychische Komponenten können einen entscheidenden Einfluss auf Schmerzerkrankungen haben. Besonders eng ist die Wechselwirkung zwischen Schmerz und Depression. Schmerzen sind eine Ursache von Depression und Depression ist Auslöser und Verstärker von Schmerzen. So bildet sich mit der Zeit ein Teufelskreis. Die Schmerzen verursachen Angst und Depressionen.

Die Depressionen verstärken die Schmerzen, die wiederum die Depressionen verschlimmern und so fort. Deshalb der Apell an unsere Patienten, Schmerzen frühzeitig und mit geeigneten Medikamenten zu behandeln. Diese Therapie sollte mit psychologischen und verhaltensmedizinischen Strategien unterstützt werden. Schmerz lässt sich nicht einbilden, handeln Sie frühzeitig und suchen Sie Unterstützung, wenn der Schmerz anfängt Ihr Leben zu dominieren.

Ein Indianer kennt keinen Schmerz

ein kleines Kompendium

Menschen auf der ganzen Erde konsumieren pro Jahr ungefähr 100 Milliarden Aspirin-Tabletten. Wenn man diese Tabletten alle in einer Reihe nebeneinander legen würde, wäre diese Linie eine Million Kilometer lang, das entspricht der Strecke von der Erde zum Mond und zurück.

Akuter Schmerz kann durch unterschiedliche Instrumente bekämpft werden; die Schädigung wird entweder beseitigt oder beeinflusst, die Schmerzleitungsbahnen werden unterbrochen, die Schmerzrezeptoren werden beeinflusst, die zentrale Schmerzempfindung wird beeinflusst (durch Opioide), die zentrale Verarbeitung des Schmerzes wird beeinflusst.

Im Folgenden wird der Fokus auf die sogenannten Analgetika (Schmerzhemmer) gelegt. Diese greifen über unterschiedliche biochemische Mechanismen in die Schmerzentstehung, Schmerzweiterleitung oder Schmerzverarbeitung ein und führen zur Aufhebung, Abschwächung oder Modifikation des Schmerzes. Sie wirken an den Schmerzrezeptoren der Körperoberfläche, im Gehirn oder im Rückenmark.

Analgetika, in der heutigen Gesellschaft fast ein Mittel des täglichen Bedarfs, werden in verschiedene Kategorien unterteilt. Im Folgenden werden ausschliesslich nicht-opioide und opioide Schmerzmittel genauer beleuchtet.

Die Verkaufsrangliste von Schmerzmedikamenten in den Lindenapotheken sieht wie folgt aus (nach Wirkstoffen aufgelistet):

Ohne Rezept erhältlich

1. Ibuprofen 400mg, nicht-opioid, NSAR (nichtsteroides Antirheumatikum), mittlere Schmerzen (Kopf-, Zahn-, Gelenkschmerzen), entzündliche und rheumatische Beschwerden

2. Paracetamol 500mg, nicht-opioid, wirkt schmerzhemmend und fiebersenkend, beliebt in Kombinationspräparaten gegen Grippe.

3. Acetylsalicylsäure 500mg, nicht-opioid, bei akuten, mässigen Schmerzen, Fieber, mit blutverdünnenden Eigenschaften.

 

Mit Rezept erhältlich

1. Paracetamol 1g

2. Diclofenac, NSAR, ausgesprochen entzündungshemmende Wirkung, oft auch äusserlich als Salbe oder Pflaster.

3. Ibuprofen 600mg und 800mg.

Der meistverkaufte opioide Wirkstoff ist Tramadol hydrochlorid, entweder in reiner Form oder in Kombination mit Paracetamol.

Die Medikamente werden hauptsächlich gegen Kopf-, Rücken- und Gelenkschmerzen verlangt. Bei richtiger und fachgemässer Beratung und Einnahme sind Schmerzmedikamente etwas Gutes. Beobachten Sie Ihren Konsum und seien Sie kritisch mit dem Medikament. Wirkt es so, wie es sollte? Wenn nicht, sollte mit qualifiziertem Fachpersonal nach alternativen, optimalen Lösungen gesucht werden. Schmerz ist zwar eine Art Segen, weil er uns vor noch grösserem Unglück schützt. Wahres Glück allerdings ist, wenn der Schmerz nachlässt.

Einfach komplizierter Schmerz

Das Gehirn bestimmt, wann wir Schmerz empfinden

Schmerz ist normal. Es ist sinnvoll, ein System zu haben, das den Menschen beschützt und gesund erhält. Trotzdem möchte niemand Schmerzen haben, denn sie sind unangenehm. Aber gerade wegen dieses unbequemen Gefühls sind Schmerzen so effektiv und ein wichtiger Teil des Lebens.

Mit Schmerzen bewegt man sich anders, man denkt anders und verhält sich anders. So gesehen tragen Schmerzen entscheidend zum Heilungsprozess bei. Wenn es irgendwo weh tut, gibt es normalerweise einen guten Grund dafür. Allerdings gilt zu unterstreichen, dass wie viel Schmerz man spürt nicht unbedingt vom Schweregrad des entstandenen Gewebeschadens abhängt.

Manchmal scheint sich das Schmerzsystem sonderbar zu benehmen. Man bedenke etwa Situationen, bei denen der Schmerz erst wahrgenommen wird, wenn an der Verletzungsstelle Blut zu sehen ist. In anderen Fällen versagt das Schmerzsystem geradezu – manche lebensbedrohlichen, bösartigen Krebstumore verursachen keine Schmerzen, was dazu führt, dass sie so lange unentdeckt bleiben und so schlimm werden können.

Schmerzerfahrungen sind eine ausgezeichnete, wenngleich unliebsame Reaktion auf alles, was das Gehirn als Bedrohung einschätzt. Es kann folglich auch passieren, dass Probleme an Gelenken, Muskeln, Bändern, Nerven, im Immunsystem oder anderswo im Körper existieren, diese aber keine Schmerzen verursachen, weil das Gehirn davon ausgeht, dass der Mensch nicht in Gefahr ist. Vice versa gibt es die Situation, dass ohne Schädigungen in den Körpergeweben Schmerzen bestehen – das Gehirn reagiert auf eine vermeintliche oder potenzielle Gefahr.

Unter dem Strich geht es beim Schmerz so oder so um das nackte Überleben. Tut es fürchterlich und demzufolge wirkungsvoll weh, kann man sich auf nichts anderes als diesen Schmerz konzentrieren, man wird vom körpereigenen Alarmsystem gezwungen, sich mit dem Problem zu beschäftigen und etwas dagegen zu unternehmen.

Sieht das Gehirn allerdings das Überleben bedroht, werden selbst bei einer ernsthaften Verletzung keine Schmerzen verspürt. Es ist einfach und kompliziert zugleich. Umso wichtiger die Gewichtung des Schmerzverständnisses für jeden einzelnen Menschen. Wenn Kenntnisse über die Schmerzphysiologie vorhanden sind, verändert sich die Art, wie wir über Schmerzen denken: Die Schmerzen werden als weniger bedrohlich wahrgenommen und der Umgang damit wird besser.

Es gibt so viele Arten von Schmerzen, eigentlich tut das ganze Leben weh. Entscheidend ist, herauszufinden, warum das Gehirn – oft völlig unbewusst – zur Schlussfolgerung gekommen ist, dass Sie in Gefahr sind. Wie gesagt: einfach und kompliziert zugleich.

Lernen Sie Ihre Schmerzen zu verstehen.