Sicherheit

In der 66. Ausgabe des Lindenblatts geht es um das Thema «Sicherheit»

Das Abstraktum «Sicherheit» geht über «sicher» zurück auf das Lateinische securus, das «ohne Sorge» bedeutet (cura, Sorge, Pflege), später auch «schuld- und straffrei». Wir verstehen darunter auch Geborgenheit und Schutz, kurz, wir sind ausser Gefahr. Es gibt die Redewendung «Sicherheit erreicht man nicht, indem man Zäune errichtet, Sicherheit gewinnt man, indem man Tore öffnet.» Woher kommt dieses Sicherheitsbedürfnis? Wir wollen bewahren, was wir besitzen.

Unter dem Strich definiert jedes Individuum selber, was Sicherheit bedeutet. Das soziale Umfeld kann Sicherheit geben, auch Erfolg, monetäre Mittel, Beruf, Beziehung, Gesundheit und vieles mehr. Der Mensch sehnt sich aus evolutionären Gründen nach Sicherheit. Schliesslich geht es darum, die eigenen Gene weiterzugeben. Und das geht am effizientesten, wenn er sich sicher fühlt. Wenn Sicherheit für jeden individuell und stimmungsabhängig ist, ist sie dann nichts anderes als eine Illusion, ein subjektives Gefühl? Überschätzt der Mensch seinen Einfluss auf drohende Gefahren? Und wenn wir also auf «Safety first» gepolt sind, wieso setzt er sich wissentlich oftmals Risiken aus?

Die heutige Welt ist immens schnelllebig. Es ist

möglich, dass morgen schon alles anders ist. Ist es deshalb besser den heutigen Tag sicher zu verbringen oder ist das Risiko die gewinnbringendere Wahl? Joachim Ringelnatz, deutscher Schriftsteller und Weltreisender, bringt die konfuse Widersprüchlichkeit auf den Punkt: «Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.»

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Das urzeitliche Labor

der Evolution

Sicherheit bedeutet die gezielte Vermeidung von Risiken. Es gilt dabei, falsche Ängste von echten Gefahren unterscheiden zu können. Wobei es tatsächlich keine «falschen» Ängste gibt. Angst ist immer subjektiv und deshalb in jeder Situation für den Empfindenden wahr. Falsche Ängste bedeuten in diesem Zusammenhang eher, dass wir Risiken richtig einschätzen und nicht da sorglos sind, wo wir uns Sorgen machen müssten.

Es wird in der Wissenschaft davon ausgegangen, dass bestimmte Ängste seit Urzeiten im genetischen Code des Menschen «programmiert» sind. Die wesentliche Funktion der Angst ist die Lebenserhaltungs- und Schutzfunktion für den Organismus. Wir flüchten und bringen uns in Sicherheit. Das tun wir am besten immer, egal ob das vermeintliche Risiko real oder imagnär ist. Wir erleiden durch eine Flucht keinen Nachteil: «Vorsicht ist besser als Nachsicht.» Die Furcht vor bestimmten Risiken erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass wir lange genug überleben, um Nachkommen zu zeugen. In der Frühzeit ging es oft um Leben und Tod. Das sieht heute doch anders aus. Trotzdem haben wir uns einen instinktiven Hass auf alles Ungewisse bewahrt. Im urzeitlichen Labor der Evolution war die Sensibilität für Verluste wahrscheinlich vorteilhafter als die Dankbarkeit für Gewinne. Für die früheren Hominiden konnte eine unzureichende Reaktion auf reale Risiken tödlich sein, während eine Überreaktion auf Risiken, die sich als imaginär herausstellten, in der Regel harmlos war.

Grundsätzlich kann der Mensch auf zwei Arten auf Risiken reagieren: intuitiv oder analysierend.

Gefühlsmässige, instinktive Entscheide fallen tief im Stammhirn, in der Amygdala, sehr schnell und unbewusst. Es wird Adrenalin in den Körper gepumpt und der Kampf- oder eben Fluchtreflex ausgelöst. Meist sind die Risiken in der modernen Welt zu komplex, als dass sie gefühlsmässig einschätzt werden könnten. Dem gegenüber steht ein nuancierteres, langsameres Instrument zur Verfügung: das rationale, analytische Abwägen, das im Neocortex geschieht, einer viel jüngeren Hirnregion. Wenn Sie bei sich in nächster Zeit eine ausgeprägte Reaktion auf potenzielle Gefahren beobachten, fragen Sie sich doch einmal, ob das Risiko, dem Sie ausgesetzt sind, früher lebensbedrohlich gewesen sein könnte. So lernen wir unser manchmal «hasenfussartiges» Verhalten zu verstehen. Sicherheit wirkt auf uns sexy. Allerdings gilt das gleiche auch für die Gefahr. An dieser Stelle lohnt es Sigmund Freud zu zitieren: «Was die kleinen Entscheidungen betrifft, so befragen Sie Ihr Bewusstsein. Bei den wichtigen Entscheidungen in Ihrem Leben lassen Sie sich lieber vom Unterbewussten leiten.»

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Generation Angst

Wir brüten mehr Ängste aus

Es scheint paradox: Trotz Frieden, Wohlstand, Rundumversicherungsschutz und "Präventionsstaat" nehmen Angststörungen zu: Phobien aller Art, Panikattacken, psychosomatische Herzleiden, Beziehungsängste, Leistungs- und Prüfungsängste.

Ursprünglich ist Angst etwas Gesundes, Vitalisierendes. Nicht wenige treten angesichts ihrer Angst die Flucht nach vorne an, denken Sie an Extremsportler, Hooligans, Söldner oder auch Workaholics. Sie suchen die Konfrontation. Andere wählen den Rückzug, nehmen die eigene Wohnung als ein Kokon, zur Angstabwehr. Je mehr Einfluss wir auf unser Leben haben, je mehr Entscheidungsspielraum, desto grösser wird das Ego und das Selbstwertgefühl. Gleichzeitig wächst die Angst vor drohenden und tatsächlichen Kränkungen. Es entsteht ein Angstkreis des Perfektionismus. Je grösser der Bereich wird, den wir durch unsere materielle Ausrüstung und soziale Position kontrollieren, desto zahlreicher werden auch unsere narzisstischen Ängste. Die grössere Sicherheit des Ackerbauers gegenüber dem Jäger entspricht auch einer höheren seelischen Belastung. Wir sind in unserem Selbstwertgefühl abhängig vom Muster, das besagt, dass das Leben immer aufwärtsgeht. Das Kind hat das Gefühl mit jedem Jahr wird es grösser, stärker, klüger und darf mehr. Die Wirtschaft nimmt dieses Muster ebenfalls auf: auch da wird ewiges Wachstum verlangt.

Es ist also für den Einzelnen kaum auszuhalten, wenn er nicht mit jedem Jahr wichtiger und anerkannter wird. Ein Karriereknick führt nicht selten zur Depression. Und schon vorher regiert die Angst vor der potentiellen Erniedrigung. Diese Angst schärft den Geist und steigert die Wachsamkeit so, dass keine Ruhe mehr möglich ist. Jedes der unendlich vielen Übel, die den Menschen befallen können, muss erkannt und abgewendet werden. Die Furcht vor Fehlentscheidungen wächst parallel mit der Anhäufung der Wahloptionen. Kann ich aus sieben Erdbeerjoghurts den für mich perfekten auswählen? Oder die Verzweiflungszustände seit es Computer gibt. Abhängigkeit und Ohnmacht treiben uns in kindliche Angst-situationen zurück. Und trotzdem brüten wir mehr Ängste vor Eventualitäten, als vor Realitäten aus. Die Medien pushen ein Angstklima, eine ganze Industrie produziert kontrollierte Todesängste: Bungee-Jumping, Achterbahnen etc. Alles Versuche, das Selbstwertgefühl zu steigern, indem man seine Ängste besiegt. Eine Illusion, die zumindest für den Moment aufbauend ist. Entscheidend ist, dass im Falle einer Kränkung die Situation zu relativieren und zu versuchen, das Gute im Blick zu behalten. Es ist erlaubt, das Unangenehme wahrzunehmen, aber nicht alles in Frage zu stellen.

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Ratgeber: Sicherheit im Apotheken-Alltag

ein paar Gedanken von Susanne Warthmann

 

Die Bedeutung des Begriffs Sicherheit wandelt sich im Laufe des Lebens bei den meisten Leuten. Ist man jung und unbeschwert, so ist das Thema Sicherheit weniger präsent. Alles ist möglich, Träume sind wichtig und einengende Strukturen oder Vorschriften werden als lästig empfunden. Das soll und darf auch so sein. Mit zunehmender Lebenserfahrung wird das Gefühl nach Sicherheit grösser. Da spielt zum Beispiel das Gründen einer Familie oder Erleben von einschneidenden Ereignissen wie Krankheit oder Unfall eine gros-se Rolle. Auch in der Pharmazie ist das Thema Arzneimittel-Sicherheit ein zentraler Faktor: Be-vor ein neues Arzneimittel seine Marktzulassung erhält, durchläuft es weitreichende Untersuch-

ungen, die in mehreren Stufen ablaufen. Auch nach Markteinführung eines Medikaments wird durch laufende Überwachung die Sicherheit eines Fertigarzneimittels gewährleistet. Das Ziel ist, unerwünschte Wirkungen zu entdecken, zu beurteilen und zu verstehen, um entsprechende Massnahmen zur Risikominimierung ergreifen zu können.

Um die hohe Qualität der Medikamente zu garantieren, werden die Arzneimittel in den Apotheken unter idealen Rahmenbedingungen gelagert. Kühlpflichtige Medikamente sind immer in Temperatur überwachten Kühlschränken. In den Apotheken-Labors stellen wir Medikamente her.

Einerseits geschieht dies auf Anweisung des Arztes individuell für einen Patienten, andererseits produzieren wir hier unsere vielen Hausspezialitäten. Die dazu benötigten Ausgangsstoffe kontrollieren wir sorgfältig bei der Anlieferung. Auch dies dient der Sicherheit des Patienten.

Grossen Wert legen wir auf die Sicherheit beim Ausführen von ärztlichen Rezepten. Nach festgelegten Vorschriften kontrollieren wir das Rezept, stellen die entsprechenden Medikamente bereit, versehen sie mit der richtigen Dosierungsetikette und lassen sie zur Kontrolle noch von einer zweiten Fachperson visieren. Zudem überprüfen wir, ob sich das neu verschriebene Arzneimittel mit den anderen Medikamenten des Patienten verträgt oder ob Wechselwirkungen, sogenannte Interaktionen auftreten könnten. Häufig muss ein Patient Medikamente von verschiedenen Ärzten einnehmen. In der Apotheke haben wir den Überblick über die gesamte Medikation eines Patienten und können bei Bedarf den Arzt über allfällige Interaktionen informieren und zusammen eine gute Lösung für den Patienten suchen. Deshalb ist es so wichtig, dass am 22. September unsere Initiative «miteinander statt gegeneinander» vom Volk angenommen wird!

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Sicherheitspolitik

Vom Rechtsstaat zum Präventionsstaat

 

Wer nichts zu verbergen hat, der hat nichts zu befürchten.

Die innere Sicherheit baut auf diesem Satz; jede neue Sicherheits-Massnahme, jedes neue Gesetz wird damit begründet.

Der biometrische Pass, die zentrale Speicherung von klassischen und digitalisierten Fingerabdrücken, das heimliche Abhören von Wohnungen mit elektronischen Wanzen, die heimliche Überwachung von Telefonen, die Videoüberwachung, die staatliche Speicherung von Telefon- und Internetdaten. Wer nichts zu verbergen hat, hat ja, angeblich, nichts zu befürchten.

Seit dem 11. September 2001 ist die Politik der westlichen Welt dabei, ihre Rechtsstaaten in Präventionsstaaten umzubauen. Wenn der Mensch nicht so ausschaut oder sich nicht so verhält wie das von den Kontrollbehörden vorgestellt wird, muss er «verdachtsunabhängige» und heimliche Kontrollen in Kauf nehmen. Die Erfassungsnetze, die alle Bürger umfassen, werden immer dichter, die inspektionsfreien Zonen immer kleiner.

Der Mensch wird zum Beobachtungsobjekt. Beobachtungsobjekte sind oder werden unfrei.

Der freiheitliche Rechtsstaat wird in einen fürsorglichen Präventionsstaat verwandelt. Die Logik dieser neuen Form führt – überspitzt ausgedrückt – zur Vorbeugehaft, auch langjährig, zur Schutzhaft oder Langzeitquarantäne. Dem Bürger muss immer Freiheit genommen werden, um ihm dafür Sicherheit zu geben; das trägt den Hang zur Masslosigkeit in sich, weil es nie genug Sicherheit gibt.

Bisher waren die Grenzen zwischen Unschuldigen und Schuldigen, zwischen Unverdächtigen und Verdächtigen klar definiert. Das Recht hat hier sehr genau unterschieden. Wer keinen Anlass für staatliches Eingreifen gab, wurde in Ruhe gelassen. Jeder konnte also durch sein eigenes Verhalten den Staat auf Distanz halten. Aktuell gilt jeder Einzelne zunächst mal als Risikofaktor, muss es sich gefallen lassen, «zur Sicherheit» überwacht zu werden.

Die heutigen, neuen Gefahren und Terrorwarnungen verdichten eine «abstrakte Angst» in der Bevölkerung. Es gibt nicht wenige, die meinen, dass Angst eine Autobahn für Sicherheitsgesetze ist. Dabei bleibt eine Tauglichkeits- und Verhältnismässigkeitsprüfung neuer Massnahmen auf

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Einladung zum Vortragsabend

 

«Wie können wir an der Sicherheit arbeiten»

 

Dienstag, 17. September'13 mit Urs Winzenried

Am 17. September referiert Urs Winzenried, Chef der Kriminalpolizei des Kantons Aargau in der Lindenapotheke und Drogerie Schöftland im Park. Er ist mit fast 35 Dienstjahren dienstältester Kripochef der Schweiz. Winzenried, der sich selber als «Bewegungsmensch» bezeichnet, wird die Thematik «Sicherheit» pragmatisch angehen: Der studierte Jurist wird über die objektive und subjektive Sicher-heit im Kanton Aargau referieren, Ausführungen über Strategien darlegen, Möglichkeiten und Grenzen der Polizei verdeutlichen und die Teilnehmer aktiv mit ins Boot nehmen, wenn es um die Fragestellung geht, wie die Bevölkerung in punkto Sicherheit mitwirken kann. Es erwartet Sie ein spannendes, umfassendes und emotionales Forum mit einem tiefgründigen, interessanten und aktiven Referenten, der anscheindend perfekt in

 

Die Veranstaltung wie auch der anschliessende Apéro sind kostenlos.

19.00 Eintreffen der Gäste

19.30 Referat Urs Winzenried

im Anschluss offene Gesprächsrunde mit Apéro

 

Bitte melden Sie sich spätestens bis Freitag, 13. September 2013

in Ihrer Lindenapotheke oder per Mail unter forum@lindenapo.ch an. Da die Teilnehmerzahl beschränkt ist, werden die Anmeldungen nach Eingang berücksichtigt.

Veranstaltungsort:

5040 Schöftland

Lindenapotheke AG, Dorfstrasse 38,

Online-Anmeldung:

forum@lindenapo.ch

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Helikopter-Eltern

kontrollieren, überwachen, ...

 

Zum Schutz eines Kindes kann man vieles tun – oder auch lassen.

Sobald man Kinder hat, wächst die Angriffsfläche, die man dem Leben und dem Tod bietet, ins Unermessliche. Es ist ein Glück, wenn man verdrängen kann, was alles passieren könnte. Nur zum richtigen Verständnis, Gefahren zu ver-drängen, heisst nicht, sein Kind nicht beschützen zu wollen. Mit jedem Monat, den das Kind älter wird, werden die Gefahren konkreter. Die Befürchtungen während der Schwangerschaft, die Dramatik der Geburt, all das war nichts im Vergleich zu den Gefahren, denen das neue Kind von nun an ausgesetzt sein würde. Es könnte zum Beispiel einfach sterben, im Schlaf. Dann sind da die Gefahren der eigenen Wohnung (Steckdosen, Reinigungsmittel, Fenster, Treppen), dann der Strassenverkehr, Kampfhunde, Krankheiten. Von Verbrechern und jähzornigen Babysittern ganz zu schweigen. Sorgen über Sorgen. Aber die grösste Angst ist gleichzeitig, dass das eigene Kind in Angst aufwächst. Glückliche Eltern sind, bei denen im Laufe der Zeit eine Art Sorgenerschöpfung eingetreten ist. Wer sagt einem, was richtig ist? Steckdosenschutz? Ja? Herdgitter? Nein?

Soll das Kind lernen, dass es den Herd nicht anfassen darf, weil seine Eltern es ihm verbieten und weil der Herd heiss ist? Das erscheint sinnvoller, als wenn es lernt, dass es den Herd nicht anfassen darf, weil ein Plastikgitter davor ist. Unfug? Mag sein. Wie viel Sicherheit ist möglich, ohne dass der Aufwand absurd wird? Wie viel Risiko halte ich aus? Ständig gilt es abzuwägen. Es gibt keinen Schlusspunkt, keinen Moment, an dem man es geschafft hat, seinem Kind absolute Sicherheit zu bieten. Wenn man es versucht, wird man am Ende zu dem, was die Amerikaner seit einigen Jahren «helicopter parents» nennen: Helikopter-Eltern, die im Zweifel mit dem Auto hinter dem Schulbus herfahren, damit das Kind auch sicher ankommt. Dieses Phänomen einer Sicherphobie geht so weit, dass Eltern das Zuhause per Videokamera überwachen lassen und jeden Schritt des Kindes per GPS-Handy. Es fragt sich dann, ob die Sicherheit auf Kosten der Kinds- aber auch Elternfreiheit und -entwicklung maximiert wird.

Es gibt keinen Raum für Vertrauen. Aber man muss doch auch ein bisschen Vertrauen haben, oder?

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Interview

nachgefragt bei Frau Ruth Humbel, Aargauer Nationalrätin CVP

Wie steht das Aargauische Gesundheitssystem im interkantonalen Vergleich da?

Wir haben im Kanton Aargau eine gute Gesundheitsversorgung mit innovativen Leistungser- bringern. Unsere Gesundheitskosten sowie die Prämien liegen noch knapp unter dem Schweizerischen Durchschnitt.

Frau Humbel, Sie engagieren sich stark für gesundheitspolitische Anliegen. Wo sehen Sie die grössten Heraus- forderungen/Baustellen im Gesundheitssystem?

Wir haben die höchste Ärztedichte und die absolut höchste Dichte an Pflegenden im europäischen Vergleich. Trotzdem reklamieren wir sowohl einen Ärztemangel wie auch einen Mangel an Pflegepersonal. Diese Situation dokumentiert die Ansprüche und Erwartungen welche unsere Bevölkerung an das Gesundheitswesen hat. Wir haben einen hohen Standard aber kaum Transparenz über Qualität und Kosten. Ein Hüftgelenkersatz an einem sonst gesunden Menschen kann je nach Spital und Kanton zwischen 7000 und 11000 Franken kosten. Worin dieser Preisunterschied liegt wissen wir nicht. Auch die Verschwendung von Prämiengeldern ist gross: Für über eine halbe Milliarde Franken werden bspw. pro Jahr Medikamente bezogen und von den Kassen bezahlt; von den Patienten jedoch nicht eingenommen, sondern direkt entsorgt.

Am 22. September stimmt das Aargauer Volk über zwei das Gesundheitswesen betreffende Vorlagen ab. Die Ärzte- initiative möchte den ärztlichen Medi- kamentenverkauf einführen, während die Initiative "Miteinander statt Gegeneinander" unter anderem genau dies verhindern will. Wie stehen sie zum ärztlichen Medikamentenverkauf?

Beide Initiativen sind unnötig. Wenn schon muss indes die Zusammenarbeit gefördert werden und nicht der Medikamentenverkauf durch Ärzte.

Was droht uns bei einer Annahme der Ärzteinitiative?

Ärzte dürften künftig selber Medikamente abgeben, was sich auf den Umsatz von Apothekern und vor allem auch auf den Versandhandel auswirken dürfte.

Wo sehen Sie die Vorteile einer Trennung von Verschreibung und Verkauf der Medikamente?

Ein Vieraugenprinzip ist sicher zum Nutzen der Patienten, sofern der Apotheker diese Funktion ernst und wahrnimmt. Er ist der pharmazeutische Spezialist und muss bspw. Unverträglichkeiten mit andern Medikamenten oder Übermedikation erkennen und gegebenenfalls intervenieren.

Eignet sich die Einführung des ärztlichen Medikamentenverkaufs zur Behebung des drohenden Hausärztemangels? Wenn Hausärzte neue Aufgaben übernehmen, werden Sie dann wirklich entlastet?

Das wäre keine Entlastung sondern eine Einkommensverbesserung, welche allerdings allen Ärzten und nicht nur den Hausärzten zustehen würde. Ärzte sollten aber mit ihren ärztlichen Leistungen und nicht mit Medikamentenverkauf verdienen.

Welche Massnahmen schlagen Sie vor, um die Gefahr eines Hausärztemangels zu mindern?

Der Bund hat zusammen mit den Kantonen und den Tarifpartnern verschiedene Massnahmen in die Wege geleitet für eine Attraktivitätssteigerung der Hausarztmedizin: Vorgesehen sind bspw. Verbesserungen bei der Aus- und Weiterbildung sowie bessere Tarife für Labor sowie ein eigenes Tarmed-Kapitel für die Hausarztmedizin. In den eidgenössischen Räten sind wir an der Bereinigung eines Gegenvorschlages zur Hausarztinitiative um die Grundversorgung, zu der u.a. auch Apotheken und Spitex gehören, zu stärken.

Wie stehen Sie zu einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen medizinischen Leistungserbringern wie dies unsere Initiative "Miteinander statt Gegeneinander" vorsieht?

Eine optimale Zusammenarbeit unter den verschiedenen Leistungserbringern ist nötig. Jeder Leistungserbringer soll das tun was er qualitativ gut und kosteneffizient kann. Ich habe mich deshalb für die KVG-Revision Managed Care engagiert, welche die integrierte Versorgung stärken wollte, vom Volk aber leider abgelehnt worden ist.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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